D. Boles, V. Schnuck

AKI - Ein Annotationssystem zur kooperativen Nutzung gefundener Informationen im WWW

Zusammenfassung

In diesem Artikel wird das Annotationssystem AKI vorgestellt, ein System, das die Eingabe, Verwaltung, Verbreitung, Notifikation und Darstellung von Annotationen zu URLs im World Wide Web unterstützt. AKI ist als eigenständige WWW-Applikation in Java implementiert. Seine Nutzung erfordert weder eine Anpassung von WWW-Browsern bzw. -Servern noch eine Umstellung der gewohnten Arbeitsweise eines WWW-Nutzers.

1 Informationsaustausch im World Wide Web

Das World Wide Web stellt ein mächtiges Hilfsmittel zum weltweiten Informationsaustausch zwischen Informationsanbietern und -suchenden bzw. -nutzern dar. Die riesigen Dimensionen des Internets und die unüberschaubare Menge von Daten machen die gezielte Suche nach gewünschten Informationen jedoch ohne weitere Werkzeuge zu der "Suche einer Stecknadel im Heuhaufen". Abhilfe stellen hierbei Werkzeuge, die die Suche nach bestimmten Informationen im Internet unterstützen, wie Search Engines und Indexe. Sind bestimmte Informationen erst einmal gefunden worden, tritt als nächstes Problem das Wiederfinden dieser Daten zu einem späteren Zeitpunkt auf. Der heutzutage am meisten genutzte Lösungsansatz für dieses Problem ist die Abspeicherung gefundener Seiten über deren URLs in hierarchisch strukturierte Bookmark-Listen, die durch den WWW-Browser verwaltet werden. Probleme solcher Bookmark-Listen sind jedoch:

Insbesondere der letzte Aspekt stellt ein schwerwiegendes Defizit dar, da wissenschaftliche Arbeit zumeist nicht isoliert, sondern im Rahmen von Interessensgruppen (Abteilungen, Arbeitsgruppen, studentische Lerngruppen, ...) erfolgt. Informationsbeschaffung sollte daher nicht nur als Aufgabe eines Einzelnen, sondern als Gruppenarbeit angesehen werden. Dadurch läßt sich die Qualität als auch die Effizienz der Informationsbeschaffung verbessern.

Konkret bedeutet das, daß zum einen gefundene und für interessant befundene Seiten den anderen Mitgliedern einer Interessensgruppe unmittelbar kundgetan werden können sollten. Zum anderen sollten Mitglieder einer Interessensgruppe beim Finden einer Seite unmittelbar darüber informiert werden, ob schon ein anderes Mitglied die Seite bereits besucht und annotiert bzw. bewertet hat.

Das Annotationsystem AKI ist ein System, das die Probleme traditioneller Bookmark-Listen löst. Bevor es im dritten Abschnitt dieses Artikels vorgestellt wird, wird zunächst generell auf den Aspekt der Annotierung eingegangen.

2 Annotationen im World Wide Web

Eine Annotation kann definiert werden als "Ergänzung eines Dokumentes um Anmerkungen auf Metaebene". Annotationen lassen sich dabei aus verschiedenen Perspektiven heraus analysieren: wer annotiert was, wozu und womit?

Weitere Fragestellungen, die insbesondere bei Annotationen im Internet erörtert werden müssen, betreffen die Verwaltung, die Verbreitung und die Darstellung von Annotationen: Des weiteren müssen bei der Konzeption eines Annotationssystems für das WWW technologische Constraints berücksichtigt werden: Alle diese Fragestellungen wurden bei der Konzeption des Annotationssystems AKI analysiert und die gewählten Lösungen und ihre Vorteile werden ihm nächsten Abschnitt erörtert.

Die Thematisierung von Annotationen im Internet ist nicht neu. Existierende Annotationssysteme im Internet lassen sich in vier Kategorien einteilen:

3 Das Annotationssystem AKI

3.1 Funktionalität

Das Annotationssystem AKI ist ein System, das die Eingabe, Verwaltung, Verbreitung, Notifikation und Darstellung von Annotationen zu URLs im World Wide Web unterstützt. Hauptziel bei der Entwicklung von AKI war es, eine hohe Akzeptanz des Systems bei WWW-Nutzern erreichen zu können. Deshalb ist AKI als eigenständiges Tool realisiert worden und unabhängig von bestimmten WWW-Browsern und -Servern nutzbar. Es arbeitet auf der Basis des HTTP-Protokolls. Der Nutzer kann wie gewohnt mit seinem WWW-Browser arbeiten. AKI, das über eine URL zugreifbar ist, läuft parallel dazu in einem zweiten separaten Browser-Fenster. Die einzige Anforderung zur Nutzung von AKI ist der Eintrag des AKI-Proxy-Servers im WWW-Browser (siehe nächster Abschnitt). Im einzelnen bietet AKI folgende Funktionalitäten:

Einrichtung und Verwaltung von Interessensgruppen: Durch einen System-Administrator lassen sich in AKI Interessensgruppen einrichten, die jeweils von einem Gruppen-Administrator verwaltet werden. Interessensgruppen bestehen aus einer Menge von Nutzern. Nutzer können dabei auch mehreren Gruppen angehören. Die Gruppen lassen sich hierarchisch strukturieren. Es werden öffentliche und private (geschützte) Gruppen unterschieden.

Annotation und Bewertung von URLs: Annotationen bestehen aus mehreren Attributen. Obligatorische Attribute sind Autor, Adressaten - im allgemeinen ein Nutzer oder eine Interessensgruppe -, Zeitpunkt der Erzeugung, Gültigkeitsdauer und ein prägnanter Titel für die Annotation. Optional können drei weitere Attribute angegeben werden: Über den Annotationstyp (ergänzende Information, Zusammenfassung, Verweis, ...) lassen sich Annotationen schnell einem bestimmten Zusammenhang zuordnen, auf einer vorgegebenen Skala oder per Freitext kann eine Bewertung erfolgen, und ein Kommentar enthält allgemeine Bemerkungen zur annotierten URL. Nutzer haben die Möglichkeit, die zu annotierende URL manuell anzugeben oder aber aus einer Liste der zuletzt von ihnen besuchten URLs auszuwählen.

Benachrichtigung von Interessensgruppen über interessante URLs: Ausgewählte Nutzer bzw. Interessensgruppen können von anderen Nutzern per Mausklick über interessante URLs bzw. Annotationen zu diesen URLs benachrichtigt werden. Die einzelnen Nutzer können dabei entscheiden, ob sie sich durch manuelle Nachfrage (Polling) selbst informieren oder über EMail (Offline-Notifikation) oder ein Java-Applet (Online-Notifikation) automatisch benachrichtigt werden wollen.

Suche nach URLs: Die Annotationen-Datenbank läßt sich mit Hilfe regulärer Ausdrücke anhand der Annotationsattribute durchsuchen. Es wird eine Liste von Annotationen und den zugehörigen annotierten URLs erzeugt, die die eingegebenen Suchkriterien erfüllen.

Generierung von Bookmark-Listen bzgl. unterschiedlicher Klassifikationskriterien: Mit Hilfe des Suchmechanismus können spezielle Bookmark-Listen aufgrund der angegebenen Suchkriterien generiert werden.

Automatische Notifikation beim Besuch einer bereits annotierten URL: Trifft ein Nutzer beim Surfen durchs WWW auf eine bereits annotierte URL, so wird ihm dies über ein Java-Applet mitgeteilt. Auf Wunsch werden ihm die Annotationen unmittelbar präsentiert.

3.2 Architektur und Funktionsweise

Das AKI-System besteht aus einem Annotationen-Server, einer Datenbank und einem speziellen Proxy-Server:

In der Datenbank werden Nutzerdaten, Interessensgruppen und Annotationen gespeichert. Der Annotationen-Server verwaltet die Datenbank. Er kann auch als Gateway zwischen Browser und Datenbank betrachtet werden, das über sogenannte Konnektoren die Funktionalität des AKI-Systems implementiert. Der CGI-Konnektor besteht aus einer Menge an CGI-Skripten, die die Eingabe von Annotationen, sowie die Nachfrage und Suche nach Annotationen realisieren. Der EMail-Konnektor ist für die Offline-Notifikation und der Applet-Konnektor für die Online-Notifikation zuständig.

Die automatische Notifikation beim Besuch einer bereits annotierten URL wird mit Hilfe des Proxy-Servers realisiert. Dazu muß vor der Nutzung des Systems der Proxy-Server im WWW-Browser eingetragen werden. HTTP-Requests des Browsers werden über den Proxy-Server an die eigentlichen Adressaten weitergeleitet. Dabei analysiert der Proxy-Server den HTTP-Strom und schickt die besuchten URLs an den Proxy-Konnektor des Annotationen-Servers weiter. Dieser schaut in der Datenbank nach, ob Annotationen zu den URLs vorliegen und informiert den Nutzer mit Hilfe des CGI-, EMail- oder Applet-Konnektors.

3.3 Implementierung und Betrieb

Das Annotationssystem AKI wurde zunächst mit Hilfe der Unified Modeling Language (UML) [Rat97] modelliert und anschließend fast vollständig in Java implementiert. Die einzige Ausnahme bildet der Proxy-Server, der auf dem strand toolkit [Ope97] basiert, einem Werkzeug zur Erstellung von "application-specific stream transducers". Als Datenbanksystem wurde das relationale Public-Domain-System postgres95 gewählt, für das eine Java-Schnittstelle existiert.

Zur Nutzung von AKI muß das System einmalig installiert und der AKI-Annotationen-Server und der AKI-Proxy-Server gestartet werden. Danach ist das System über das WWW prinzipiell von beliebig vielen Nutzern bzw. Interessensgruppen - wenn erwünscht weltweit - zugreifbar. Unter http://kiwi.offis.uni-oldenburg.de/~dibo/aki/aki.html findet sich ein öffentlich zugänglicher Test-Server.

4 Bewertung

Die Nutzung existierender Annotationssysteme im Internet erfordert häufig die Verwendung spezieller oder die Erweiterung existierender Browser, die Installation spezieller WWW-Server oder die Anpassung der Nutzungsweise des WWW an das Annotationssystem. Derartige Erfordernisse mindern im allgemeinen die Akzeptanz eines solchen Systems. Da das Annotationssystem AKI als eigenständige WWW-Applikation realisiert worden ist, werden diese Probleme vermieden. AKI ist einfach installierbar und parallel zur gewohnten Arbeitsweise mit dem WWW nutzbar.

AKI wurde im Rahmen studentischer Arbeiten entwickelt und prototypisch implementiert [Sch97]. Die Entscheidung, Java als Implementierungssprache zu verwenden, hat sich dabei als sehr positiv herausgestellt. Zum einen ist die Sprache schnell erlern- und beherrschbar. Zum anderen konnten zahlreiche Klassen der JDK-Klassenbibliothek genutzt und das System in kürzester Zeit fertiggestellt werden. Des weiteren ist das System aufgrund der Konzepte von Java plattformunabhängig einsetzbar und flexibel erweiterbar.

Literatur

[BHST95] R. Bentley, T. Horstmann, K. Sikkel und J. Trevor: Supporting Collaborative Information Sharing with the World Wide Web: The BSCW Shared Workspace System. In Proceedings of the 4th international WWW Conference, Boston, Seiten 63-74, 1995.

[Dav96] J. Davis: CoNote (Annotation) Home Page. http://dri.cornell.edu/pub/davis/annotation.html, Juni 1996.

[Hyp97] HyperWave Information Management GmbH. HyperWave Home Page. http://www.hyperwave.de/, April 1997.

[KLEA90] J. L. Koszarek, T. L. Lindstrom, J. R. Ensor und S. R. Ahuja: A Multi-User Document Review Tool. In S. Gibbs und A. A. Verrijn-Stuart, Hrsg., Multi-User Interfaces and Applications, Seiten 207-214, Elsevier Science Publishers B.V., 1990.

[LaL97] D. LaLiberte: HyperNews Homepage. http://union.ncsa.uiuc.edu/HyperNews/get/hypernews.html, April 1997.

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[Med96] Medoc Konsortium. Ariadne Homepage. http://ariadne.inf.fu-berlin.de:8000/, November 1996.

[Mot97] MotherJones. Live Wire. http://www.motherjones.com/, 1997.

[Ope97] Open Software Foundation. Web Technology. http://www.osf.org/mall/web/, Februar 1997.

[Rat97] Rational Software Corporation. UML, Version 1.0 of the Unified Modeling Language. http://www.rational.com/uml/1.0/, 1997.

[RM97] M. Röscheisen und C. Mogensen: ComMentor - Scalable Architecture for Shared Web Annotations As A Platform for Value-Added Providers. http://pcd.stanford.edu/COMMENTOR/, Januar 1997.

[Sed96] G. Sedlmayer: Integration von Anmerkungsmöglichkeiten im Mehrbenutzereditor IRIS. TU München, Institut Informatik, Diplomarbeit, Februar 1996.

[Sch97] V. Schnuck: AKI - Ein Annotationssystem zur kooperativen Nutzung gefundener Informationen im Internet. Universität Oldenburg, Fachbereich Informatik, Diplomarbeit, Juni 1997.

Autoren:

Dipl-Inform. Boles, Dietrich
Universität Oldenburg, Fachbereich Informatik, Escherweg 2
D-26121 Oldenburg
Tel.: 0441/9722-212 , Fax: 0441/9722-202
e-mail: boles@informatik.uni-oldenburg.de

Dipl.-Inform. Schnuck, Volker
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